Der Prolog: Zwei Stimmen unterm Herkules

Es sollte nur ein kurzer Zwischenstopp werden, so wie wir es bei unseren früheren Fotoreisen immer gemacht haben. Eine Stunde, vielleicht anderthalb, mehr Zeit war nicht eingeplant auf der Fahrt nach Hause. Der Bergpark Wilhelmshöhe stand seit Jahren auf einer dieser mentalen Listen von Orten, die man "mal gesehen haben sollte". Nichts Dringendes, nichts Spektakuläres. Nur ein Schloss, ein Park und ein Denkmal auf einem Hügel.

Wie sehr man sich täuschen kann. Eine Stunde reicht gerade, um die Oberfläche zu streifen. Denn der Bergpark offenbart sich erst dem, der bleibt und wartet: Bis das Licht anders fällt, bis die Wasserspiele beginnen, bis sich die Menschenmengen verlaufen und der Ort wieder zu sich selbst findet.

Während ich durch meine Fotografien blättere verstehe ich: Der Bergpark ist kein Museum, das sich selbst konserviert. Er ist ein Organismus mit seinem eigenen Zeitrhythmus. Mal schweigt er monatelang, mal explodiert er in Wasserfontänen und Touristenströmen. Mal ist er Kulisse für den Alltag, mal wird er zur Bühne unter Scheinwerfern.

Die Kamera kann Momente einfrieren, aber die wahre Magie liegt in dem, was zwischen den Bildern geschieht. In den Pausen, in der Stille, in den Sekunden des Wartens.

Zehn Jahre später kehrten wir – Elias und ich – also zurück, aber unter völlig anderen Vorzeichen: Nicht mehr der zufällige Zwischenstopp mit zwei Stunden Zeit, sondern vier Tage fokussierter Arbeit.

Scouting Bergpark 2025

Scoutingroute Bergpark Wilhelmshöhe im Juli 2025; © OpenStreetMap-Mitwirkende, https://www.openstreetmap.org/copyright



Unser Ziel war es, den Bergpark nicht nur zu dokumentieren, sondern ihn wahrhaftig zu durchdringen: Mit der nötigen Ruhe, um zwischen den Bildern zu hören, der Geduld, auf das richtige Licht zu warten, und dem Respekt vor einem Ort, der seine Geheimnisse nicht ohne Weiteres preisgibt.

Aus dieser Haltung wächst eine Erzählung mit zwei Stimmen: Nicht, weil sie Unterschiedliches erzählen wollen, sondern weil derselbe Weg, derselbe Ort und derselbe Moment gleichzeitig erlebt werden. Schritte, Blicke und Gedanken laufen nebeneinander her, fallen kurz zusammen und lösen sich wieder, während Licht über Wasserläufe und Kaskaden wandert, Schatten sich verschieben und Spiegelungen auftauchen. Was erzählt wird, gehört nicht eindeutig dem einen oder dem anderen: es entsteht aus dem gemeinsamen Unterwegssein und bleibt genau deshalb offen für den Leser. Die Erzählstruktur nutzt das Prinzip der fließenden Perspektiven, vergleichbar mit dem filmischen Erzählen oder den Werken von Virginia Woolf wie „Die Fahrt zum Leuchtturm“



Die Stimmen

Der Plan stand fest. Während er an der Kamera zurückblieb, machte sich der andere auf den Weg zur vereinbarten Position. Die Warterei ließ sich nutzen, um mit der Taschenlampe über das Feld zu ihrer Rechten zu leuchten. Natürlich war da niemand, nicht einmal ein Tier. Aber es sah interessant aus, wie das weiße Licht die langen Halme traf und streifige Schatten warf. Die Wiese wirkte in der Nacht grau, vielleicht etwas bräunlich, aber weder das helle Vollmondlicht noch die Taschenlampe konnten ihr die Farben des Tages einhauchen. Nebenbei dachte er über die Aufnahmen der Löwenburg vom Tag nach und wie Licht- und Wetterverhältnisse die Bildwirkung komplett verändern konnten.

Löwenburg bei schlechtem Wetter
Löwenburg bei schönem Wetter

Links: Im Schatten… – Juli 2025 – 1/125s, f/4, ISO 160
Rechts: …und die Burg erstrahlt – Juli 2025 – 1/1600s, f/5, ISO 100
Aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Voigtländer MACRO APO-LANTHAR 110mm F2.5.



Der Blick schweifte weiter nach rechts den Hügel hinauf, wo das Licht seiner Taschenlampe langsam verblasste. Dieser Abschnitt war von Wald gerahmt, der wie eine schwarze und zugleich undurchdringliche Wand wirkte. Der schmale Trampelpfad führte leicht bergauf, und je näher er dem Wald kam, desto steiniger wurde der Untergrund. Die nächtliche Stille mischte sich zunehmend mit dem Knirschen der Steine unter seinen Füßen. Es wurde mit jedem Schritt lauter und hallte gut hörbar durch die Dunkelheit.

Der Eingang zum Wald erschien wie ein schwarzes Tor, das nach oben schmaler wurde. Es wirkte nicht einschüchternd, aber das Vollmondlicht vermochte nicht in den Wald vorzudringen, obwohl links des Weges nur wenige Baumreihen bis zur Wiese vor der Löwenburg standen. Der Lichtkegel tastete nach rechts in den dichten Wald. Die zahlreichen Sträucher und kleinen Bäume absorbierten das Licht förmlich, und im Zwielicht dahinter ließ sich nicht mehr erkennen, was die schmalen Lichtstrahlen noch trafen. Aber nichts huschte weg, und nicht einmal das Rascheln von Laub war zu hören, welches entstand, wenn sich ein Vogel im Lichtkegel erschreckte. Die Szene hatte etwas Unnatürliches. Hin und wieder erklang der Ruf eines Greifvogels, ansonsten aber nur die Blätter und Äste, die von auffrischenden Windböen aneinander getrieben wurden.

Der Weg machte eine leichte Kurve und führte nun bergab. Ab und an standen so wenige Bäume zur Linken, dass die Wiese gut einsehbar war, aber die Löwenburg konnte von hier nicht angeleuchtet werden. Die Frage drängte sich auf, wie jener an der Kamera Zurückgebliebene das Lichtspiel im Wald und auf der Wiese wahrnahm und wie das wirken musste. Vielleicht wie ein Irrlicht, das durch die Dunkelheit tanzte.

Ganz dezent war das Plätschern eines kleinen Baches zu hören: Das Ziel war nicht mehr weit. Auf dem nun breiten und gut befestigten Weg ging es zügig voran bis zur Quelle des Plätscherns: eine Erfrischungsstelle für Wanderer, wo man Füße, Hände und Gesicht waschen konnte. Der Lichtkegel glitt darüber und offenbarte, dass die Szene im Dunkeln trostlos aussah, vielleicht sogar etwas unheimlich. Der Lichtkegel wanderte weiter den Hang hinauf, soweit er den dichten Wald noch durchdringen konnte. Aber da war nichts. Irgendwie hatte die Erwartung bestanden, dass vielleicht das ein oder andere Tier hier seinen Durst löschen würde. Aber vermutlich hatte jedes Tier diesen Teil des Waldes längst verlassen, noch bevor er überhaupt das dunkle Tor durchschritten hatte. Als hätte die bloße Vermutung der Anwesenheit eines Eindringlings sie in die Flucht geschlagen.

Er leuchte den Weg weiter in Richtung Löwenburg und der Lichtschein traf eine Bank auf der sich aber niemand ausruhte. Zeit für den Anruf, um die Aufnahme zu koordinieren. Das Telefon tutete zwei, drei Mal, dann stand die Verbindung.

„Ich bin jetzt an der Stelle mit Blick auf die Löwenburg. Bist du bereit?" Natürlich blieb ihm an der Kamera nichts anderes übrig als zu warten.

„Ja." Er klang nüchtern, fast gelangweilt. Das Telefon war im Freisprechmodus.

Die Jackentasche schluckte das Gerät. „Hörst du mich noch?"

„Ja, es geht."

„Okay, dann starte jetzt."

„Kannst anfangen zu leuchten."

Die Taschenlampe wechselte in den Lasermodus, und die Löwenburg wurde vollflächig abgetastet. Aus zweihundert, vielleicht dreihundert Metern Entfernung machte das Anleuchten der Silhouette nur wenig Sinn, da der Lichtkegel auf diese Distanz zu breit war, um eine im Bild sichtbare Betonung zu erreichen. Die Steine der Burg reflektierten das Licht relativ gut, aber die dunklen Dächer der Türme und die links anschließenden großen Bäume mussten deutlich länger bestrahlt werden, während das Mauerwerk nicht zu lange mitbestrahlt werden durfte. Er versuchte sich an die eigentliche Farbe der Dächer und Verzierungen der Türme zu erinnern und fragte sich, ob sie auch in die Nachtaufnahme sichtbar werden würden.

Details der Türme

Details der Türme – Juli 2025 – 1/3200s, f/5.6, ISO 100 – aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Carl Zeiss Distagon T* 28mm F2.8.



Wie bei der Lichtmalerei üblich bewegte sich der Lichtkegel gleichmäßig hin und her, damit die belichteten Bereiche im Bild nicht fleckig aussahen. Vor der Burg standen einige Bäume, die aufgrund des günstigen Winkels besser beleuchtet werden konnten. Durch den schrägen Lichteinfall relativ zur Sicht der Kamera ließen sich die Bäume gut von der Burg absetzen. Es war eine meditative Arbeit, die ihn die beunruhigende Stille fast vergessen ließ.

Fast war die Arbeit getan, als eine Stimme durch das Telefon drang: „Hier ist jemand!"

Die Taschenlampe erlosch. „Was?"

„Ich höre Stimmen. Aber ich sehe niemanden. Komm am besten schnell zur Kamera zurück."

Ein kalter Schauer. Die Taschenlampe wechselte in den COB-Modus, und der Rückweg begann. Mit ernstem Ton: „Ich brauche mindestens drei Minuten bis zu dir."

„Du musst nicht rennen. Ich sehe hier niemanden. Aber die Stimmen sind so laut, als würden die direkt neben mir stehen!"

„Okay, ich beeile mich! Gib Bescheid, wenn ich doch rennen soll."

Der Puls beschleunigte sich. Die lichte Stelle von vorhin kam in Sicht. Durch das Rauschen der Blätter im leichten Wind und das eigene Atemgeräusch, angefacht vom schnellen Schritt auf dem leicht ansteigenden Weg, war es schwer zu hören. Aber da war etwas. Stimmen von Personen, die sich unterhielten. Abrupter Halt, und der Lichtkegel tastete die nähere Umgebung ab, aber da war niemand. Die Luft wurde angehalten mit der Einbildung, dann besser hören zu können, was rundherum passierte. Und da war es wieder: Lachen. Dann helle und klare Fragmente einer Unterhaltung von mindestens zwei Personen. In einiger Entfernung sicherlich, und es war kein einziges verständliches Wort zu identifizieren. Aber es war eindeutig: Sie waren nicht allein!

Ein scharfer Atemzug. „Ich höre es auch! Hier ist definitiv jemand!"

„Sag ich ja! Aber ich sehe niemanden."

Ein Rascheln im Unterholz aus dem dichteren Bereich des Waldes. Die Taschenlampe schwenkte fast zeitgleich in die Richtung des Geräusches. Wieder das Geräusch des Greifvogels und dann gelegentlich das Zirpen der Grillen, welches vom eigenen Atemgeräusch übertönt wurde. Weiter, schneller jetzt. Das Umherschwenken der Taschenlampe wurde hektischer. Kein Tier und auch kein Mensch waren zu sehen, und auch blitzten keine Augen in der Dunkelheit auf, wenn der Lichtschein sich durch den dunklen Wald arbeitete.

Wie paranoid. Aber die Anspannung wäre wesentlich geringer, wenn nur die Taschenlampe und nicht noch Kameraequipment im Wert von vielen Tausend Euro im Gepäck wäre, welches zudem aufgebaut und ausgebreitet auf einer Wiese stand. Ein nicht unerhebliches Risiko, zumal sie sicherlich aus großer Entfernung wegen der hellen Taschenlampen bemerkt wurden. Leichte Beute für jeden, der es darauf anlegen wollte.

Er trat aus dem Wald heraus und folgte dem schmalen Trampelpfad auf die Wiese. An der Kamera war er schon zu sehen. „Ich bin gleich da.“

„Ja, ich sehe dich."

Der Gesprächsabbruchton der Kamera-App erklang. Licht schwenkte über die Wiese. Vielleicht hat er da etwas entdeckt. Oder jemand? Eher nicht, denn der Lichtkegel wanderte weitläufig und langsam in alle Richtungen. Kein fokussiertes Anstrahlen. Erleichterung machte sich breit, weil zum Glück wirklich niemand in der Nähe zu sein schien.

„Weißt du, wo die sind?"

„Nein, aber ich glaube da unten." Die Geste zeigte nicht in Richtung Löwenburg, sondern den Pfad entlang zum Hauptweg, der weiter bergauf zum Steinhöfer Wasserfall führte.

Etwas skeptisch: „Als ich die im Wald hörte, dachte ich eher, dass sie bei der Löwenburg oder dem Hauptweg da unten wären." Er zeigte mit seinem Arm über die Wiese, leicht links von der Löwenburg.

„Vielleicht sind die den Hauptweg Richtung Wasserfälle gelaufen. Ich habe sie jedenfalls zuletzt da vorn gehört."

Zwei Lichtkegel suchten ratlos den Hauptweg ab. Nichts zu hören, abgesehen vom Rascheln der Wiese, wenn eine der gelegentlichen Böen sanft hindurchglitt. Die Stimmen waren verstummt, als hätten sie nie existiert.

„Ist denn zumindest das Bild etwas geworden?" Die Frage kam beiläufig, um die Anspannung zu durchbrechen. Finger drückten auf die Bedienelemente der Kamera, und tatsächlich war das Ergebnis vielversprechend.

Das Ergebnis der Stimmen

Das Ergebnis der Stimmen – Juli 2025 – 30s, f/5, ISO 400 – aufgenommen von Elias und Daniel mit der Sony Α1 II und dem Voigtländer MACRO APO-LANTHAR 110mm F2.5, bearbeitet von Daniel.



„Sehr gut geworden! Das haben wir im Kasten!" Die Stimme klang erleichtert und freudig zugleich.

„Zum Glück ist es gut geworden."

Details in der Rohaufnahme wurden besprochen und wie das Beleuchten mit Farbakzenten umgesetzt werden könnte. Doch da gab es noch ein Problem.

„Wir müssen erst prüfen, ob da noch jemand ist."

„Vielleicht sitzen die irgendwo im Gras und erfreuen sich daran, wie wir hier ängstlich rumleuchten."

„Bestimmt. Ich werde jetzt runtergehen und nachsehen müssen."

Es gab keine andere Möglichkeit. Die Telefonverbindung stand wieder, und er ging den Pfad hinab in Richtung Hauptweg. Dabei wechselte die Taschenlampe in den Lasermodus, um eventuell Personen im Gras oder hinter Bäumen durch den hohen Kontrast besser sehen zu können. Und natürlich diente es auch zur Abschreckung, denn das Licht blendete enorm. Wer auch immer da draußen war, sollte wissen, dass Sichtbarkeit bestand.

Der Weg erlaubte zügiges Vorankommen, die letzten Meter waren mehr Wiese als echter Weg. Jeder Schritt knirschte, jeder Atemzug schien in der Nacht zu laut. Schließlich erreichte er den über drei Meter breiten Hauptweg, und der Lichtkegel tastete in alle Richtungen. Durch das Adrenalin im Blut herrschte extreme Aufmerksamkeit. Ein paar Meter weiter unten war ein Abzweig zur Teufelsbrücke. Und hinter ihm führte der Weg zu den Wasserfällen.

„Hier ist nichts."

Die Taschenlampe erlosch, und das Lauschen in die Nacht begann. Die Augen konnten sich nicht wirklich an die Dunkelheit gewöhnen. Stockfinster und nicht einmal das Mondlicht half.

„Okay. Und hörst du etwas?"

„Nein. Und hier ist auch kein Licht einer Taschenlampe zu sehen."

„Im Moment sind Wolken vor dem Mond. Hätten wir vorhin nicht die Taschenlampen der Typen sehen müssen?"

„Also ich konnte vorhin auf der Wiese wegen dem Mond alles gut sehen. Ich gehe jetzt ein Stück hoch zu den Wasserfällen."

„Okay. Mach das."

Nur ein paar Meter. Die Wasserfälle waren nicht besonders weit weg. Niemand zu hören, und ohne Taschenlampe konnte man sich hier auch nicht mehr fortbewegen. Wer auch immer hier draußen gewesen war, ist verschwunden.

„Hier ist niemand. Ich geh noch runter zur Kreuzung und schaue da nochmal."

„Alles klar."

Der Weg führte hinab und dann kam die Biegung in Richtung Teufelsbrücke. Der Lichtkegel wanderte den Weg entlang, aber da war auch nichts. Auch kein Augenpaar eines aufgeschreckten Tieres und auch keine Geräusche. Nur die Nacht und das Gefühl, beobachtet zu werden.

„Ich komme zurück."

„Okay."

Er kam zügig zurück zur Kamera. Es herrschte Erleichterung darüber, dass die Situation offenbar weniger brenzlig gewesen war als gedacht. Aber ein mulmiges Gefühl blieb wie eine unsichtbare Präsenz, die nicht ganz verschwinden wollte. Die Aufnahme wurde noch einmal betrachtet und die Entscheidung fiel, das Glück nicht überzustrapazieren. Das Zusammenpacken begann, während die Nacht um sie herum ihre Geheimnisse behielt.



Der Augenblick des Lichts

Er stand still, so als ob der Boden ihn festhalten würde, und lauschte. Kein Wind regte sich und doch schien alles in Bewegung zu sein: das leise Knacken eines Astes, das ferne Rascheln von Blättern und das Rufen einer Eule in einiger Entfernung. Nur hier und da fiel ein matter Schimmer des Vollmondlichtes durch die dichten Baumkronen über ihm herab. Seine Augen folgten dem Geräusch in der Dunkelheit und jeder Atemzug schien lauter als der davor. Zeitgleich hob er seine Taschenlampe in die gleiche Richtung. Vor ihm zeichnete sich ein kaum erkennbarer Trampelpfad ab, welcher im fast rechten Winkel vom Hauptweg abzweigte. Mehr geahnt als gesehen, wie eine flache Narbe im feuchten Boden. Mit jeder Bewegung seiner Hand glitt das Licht darüber hinweg, blieb an niedrigen Sträuchern hängen, brach sich in nassem Gras und zerfiel in zitternde Reflexe und scharf abgegrenzte Schatten.

Die Blätter glänzten, als wären sie eben zum Leben erwacht. Tropfen hingen an ihren Rändern und fielen lautlos als er beim ersten Schritt auf den Pfad den zugehörigen Ast streifte. Die Gräser schienen sich im Licht zu neigen, obwohl nichts sie berührte und warfen lange, verzerrte Schatten. Die Luft war kalt und jeder Atemzug entließ eine kleine Wolke, die sich vor seinem Gesicht ausbreitete und ihm für einen flüchtigen Moment die Sicht nahm. Als hätte sich der Nebel eigens zwischen ihn und den schmalen Pfad geschoben, um ihn blind tasten zu lassen. Der Boden unter seinen Füßen gab leicht nach, feucht und leise schmatzend, als wolle er jeden Schritt verraten.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und tastete sich weiter den Pfad entlang. Der Lichtkegel der Taschenlampe schwankte leicht, glitt über Erde, Wurzeln und dunkle Flecken feuchter Blätter, die im vorbeiziehenden Lichtschein intensiv grün hervorstachen um sofort wieder eins mit der Dunkelheit zu werden. Ein leises, unregelmäßiges Glucksen kündigte das Bächlein an, lange bevor er es sah. Dann endete der Pfad abrupt, und das Licht fiel auf Stein. Überall Steine. Rundgeschliffen und fast regelmäßig angeordnet, als hätte jemand sie absichtlich dort platziert. Das Wasser floss so sparsam zwischen ihnen hindurch wie ein dünnes, dunkles Band, das sich seinen Weg suchte. Im Licht der Lampe wirkten sie wie eine eigene kleine Landschaft: Hügel, Schluchten, Plateaus aus grauem und schwarzem Gestein. Schatten sammelten sich dazwischen und ließen die Zwischenräume tiefer erscheinen, als sie waren.

Die Kälte stieg von den Steinen auf, kroch ihm durch die Schuhe, während der Lichtkegel langsam über das steinige Bett wanderte. Es wirkte, als würde das Licht nicht nur beleuchten, sondern etwas wecken. Als würde etwas auf ihn reagieren, sich ducken und zurückstarren. Dann dieses Gefühl. Dieses unbestimmte, fast lächerliche, aber hartnäckige Wissen, dass gleich etwas geschehen würde. Dann traf der Lichtkegel auf etwas, das aus der Dunkelheit ragte wie eine Reihe dreieckiger Formen, gleichmäßig, spitz, nach unten gerichtet. Für einen Moment sah es aus, als lägen dort Zähne frei, ordentlich nebeneinandergereiht, reglos und doch voller Spannung. Das Licht streifte sie nur kurz. Glatte Flächen blitzten auf, Kanten zeichneten sich scharf ab, dazwischen sammelte sich Schwärze. Es wirkte unnatürlich in dieser feuchten, wuchernden Umgebung, und gerade deshalb blieb sein Blick daran hängen. Die Formen erinnerten ihn an eine Filmszene, die er nie ganz vergessen hatte: dieses langsame Enthüllen und der Sekundenbruchteil in dem man sicher ist, dass gleich etwas aus dem Verborgenen schießt.

Nach dem Knacken und Knirschen brach Licht in die Dunkelheit und holte das Verborgene hervor. Die kleinen Zettel wirkten immer so unscheinbar und banal, als könnten sie unmöglich mehr sein als ein kurzer Zeitvertreib. Er sah zu seinem Gegenüber und musste lächeln.

„Du wirst demnächst sehr stolz auf jemanden in deiner Nähe sein.“

Er lachte auf, ehrlich, fast ein wenig zu laut.

„Du auf mich bestimmt.“

Ein zweites Knacken. Der Keks brach, Krümel fielen auf den Tisch. Er zog den Zettel heraus, entfaltete ihn langsam und las vor:

„Den größten Erfolg hast du mit den Dingen, die du ernsthaft tust.“

Einen Moment lang sagte keiner von beiden etwas.

„Na toll“, meinte er schließlich mit nachdenklicherem Ton und sagte leise. „Jetzt fangen sogar Glückskekse an, uns Ratschläge zu geben.“

Doch er faltete den Zettel nicht sofort zusammen. Er hielt ihn noch einen Augenblick fest, als würde er prüfen wollen, ob zwischen den dünnen Worten nicht doch ein bisschen mehr steckte, als man ihnen auf den ersten Blick zutraute.

Beide standen auf und machten sich auf den Weg zum Auto. Es gab ohnehin nichts, was sie hier noch länger hätte halten können. Die Zettelchen verschwanden in der Tasche, mehr beiläufig und nicht etwa, weil sie ihnen einen besonderen Wert beimaßen. Die Straße führte sie ruhig und gleichmäßig Richtung Unterkunft nach Kassel. Die Sonne stand hoch, grell und klar, und tauchte alles in kräftiges Licht. Doch am Himmel zogen auch größere Wolken dahin und warfen ihre Schatten über die Felder, Wälder und Hügel. Das Auge folgt dem Wechselspiel. Das Navi sprach leise, fast höflich, als wolle es die Stimmung nicht stören.

Vor ihnen lagen vier Tage, dicht gepackt und sorgfältig geplant. Der Bergpark Wilhelmshöhe sollte zu jeder Tageszeit festgehalten werden: im ersten Licht des Morgens, im harten Kontrast des Mittags, im weichen Verblassen des Abends und in der Nacht, wenn sie wieder mit der Technik der Lichtmalerei arbeiten würden. Sie wollten alles: die Wasserspiele, jedes einzelne Ereignis, jede Bewegung des Wassers, und mit etwas Glück auch besondere Wetterlagen: Nebel, Regen, vielleicht sogar Sturm. Alles, was dem Ort ein anderes Gesicht geben konnte.

Der eine saß etwas zusammengesunken auf dem Beifahrersitz, den Blick starr nach vorne gerichtet. Der andere fuhr und hielt sich zwischendurch kurz den Bauch, verzog das Gesicht. Es waren nicht viele Worte nötig, denn der Übertäter war schon identifiziert worden. Aber ihre Vorfreude konnte dieser hoffentlich bald vorübergehende Umstand nicht trüben.

Sie erreichten die Unterkunft, luden kurz die Sachen ab, schnappten sich die Kameras und waren schon wieder unterwegs. Keine Zeit für lange Blicke, nur ein flüchtiges Beziehen der Zimmer, dann ging es weiter. Sie fuhren zum Parkplatz an der Mulangstraße, einem Geheimtipp, den er bei einer vorherigen Erkundungsreise ausgespäht hatte. Kaum geparkt, schnappten sie sich die Ausrüstung und liefen wie beim Scouting üblich zu Fuß durch den Park. Es ging nicht darum, gleich zu fotografieren, sondern die Motive zu erkunden. Sie tasteten sich durch die Wege, prüften Perspektiven, betrachteten Brücken und Bauwerke und suchten ungewöhnliche Blickwinkel.

Scouting an der Teufelsbrücke

Scouting an der Teufelsbrücke – Juli 2025 – 1/100s, f/1.7, ISO 800 – aufgenommen von Elias mit dem Samsung Galaxy S24 Ultra.



Immer wieder hielten sie inne, diskutierten leise: „Wenn wir hier um zehn Uhr morgens stehen, könnten die Schatten genauso fallen…“ oder „Bei leichtem Nebel wirkt das Wasser sicher noch geheimnisvoller.“ Jeder Schritt, jedes Motiv war ein Planungsimpuls für die kommenden vier intensiven Tage. Die Stunden vergingen wie im Flug. Trotz – oder gerade wegen – des bewussten Verzichts auf wirklich hochwertige Fotografien, vielleicht nur das eine oder andere Handybild zwischendurch, wuchs die Vorfreude umso stärker. Das bewusste Zurückhalten machte jeden Blick auf den Park intensiver, jede kleine Entdeckung spannender, weil alles noch auf die „richtigen“ Aufnahmen wartete.

Die Dämmerung senkte sich sanft über den Park und sie machten sich auf den Weg zum Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe. Die Luft war schwer von Feuchtigkeit, Wolken zogen tief über die Hügel, und irgendwo in der Ferne grollte leiser Donner. Sie diskutierten, ob sie in dieser Nacht noch zur Teufelsbrücke aufbrechen sollten, mit der Idee der Lichtmalerei im Hinterkopf. Regen war angesagt, und doch versprach gerade das eine besondere Dramatik, denn womöglich würde mehr Wasser vor der Teufelsbrücke hinabfließen. Während sie den Weg hinabgingen, warfen sie einen Blick über die Schulter zurück zum Herkules, der von fest installierten Lampen bestrahlt wurde. Die goldene Beleuchtung ließ ihn fast über dem Park schweben, ein stiller Wächter inmitten des herannahenden Abends. Für einen Moment hielten sie inne, fasziniert von der Monumentalität, die die Szenerie durchzog.

Der Blick zurück

Der Blick zurück – Juli 2025 – 1/14s, f/1.89, ISO 1980 – aufgenommen mit dem Google Pixel 7a.



Im Schlosshotel empfing sie warmes Licht, gedämpft und beruhigend. Sie gönnten sich ein paar Erfrischungen, aber hörten das Prasseln des Regens kaum, da sie im gemütlichen und abgeschotteten Loungebereich verweilten.

Ein Abend unter Fotografen

Ein Abend unter Fotografen – Juli 2025 – 1/100s, f/1.7, ISO 1600 – aufgenommen von Elias mit dem Samsung Galaxy S24 Ultra.



Sie ließen die Eindrücke des Tages sacken, blätterten durch die Handybilder, lachten über kleine Unvollkommenheiten und besprachen mögliche Perspektiven für die Nacht. Jeder neue Blick auf die Brücke eröffnete Gedanken, wie sie ihr Vorhaben mit dem schon auf der Fotoreise in die Bastei bewährten dreistufigen Plan in die Tat umsetzen könnten.

Schließlich machten sie sich zügig an den Aufstieg. Der Weg war stellenweise rutschig von der Feuchtigkeit, aber das verlangsamte sie kaum, so fokussiert waren sie auf das, was vor ihnen lag. Oben angekommen, stellten sie das Stativ auf, setzten die Kamera darauf und justierten grob die Position. Das Stativ mussten sie vollständig ausfahren und fotografierten dennoch leicht von unten, denn der asphaltierte Bereich vor der Brücke, mit dem Wasserfall darunter und dem breit zu eine Art Teich auslaufenden Gewässer davor, ließ keine andere Position zu.

„Lass uns erst eine Testaufnahme für die korrekte Belichtungszeit machen“, sagte einer von uns, während der Andere den Fokus prüfte. „Dann sehen wir auch besser, ob der Ausschnitt passt und können die Belichtung noch optimieren.“

Die Kamera lief minutenlang, während sie geduldig die Szene abwarteten. Auf dem Display erschien schließlich das erste Bild: die Brücke lag im Dämmerlicht, die dunklen Felsen darunter waren gerade so sichtbar und das Wasser war für den Moment nur schemenhaft angedeutet.

„Die Felsen könnten noch etwas mehr Struktur vertragen“, meinte er. „Wenn wir die Belichtung verlängern, bekommen wir mehr Details in den dunklen Bereichen.“

„Ja, und während der Lichtmalerei muss ich von vorne mit der Lampe arbeiten“, ergänzte der Kameramann. „So lassen sich die harten Kontraste des Lasers, den du seitlich auf die Wasserfälle und die Felsen wirfst, abmildern.“

Wir überprüften noch einmal den Bildausschnitt und den Fokus, probierten die Bewegungen der Lampen aus und verteilten die Aufgaben für die bevorstehende Lichtmalerei. Alles war minutiös geplant, denn jede Bewegung und jede Lichtwurf sollte sitzen. Und es gelang: Stufe zwei mit dem weißen Licht war im Kasten. Die Brücke, die Felsen und das Wasser darunter traten klar hervor, Schatten und Konturen formten sich präzise und harmonisch. Nun ging es an Stufe drei: Die Hervorhebung bestimmter Bildinhalte mit dem roten Stab-LED-Licht, das der Teufelsbrücke ihre diabolische Aura verleihen sollte. Die drei Stufen der Lichtmalerei werden in einer Sequenz durchgeführt.

Der Kameramann blieb zunächst frontal an der Kamera und beleuchtete mit der COB-LED-Lampe großflächig die Szene um die harten Kontraste des LEP-Lasers abzumildern und die Felsen sowie das Grün rundherum sanft aufzuhellen. Gleichzeitig machte sich der Läufer auf den Weg: den Anstieg hinauf über die Brücke, die Taschenlampe im COB-Modus, so dass die Brücke und die Äste leuchteten, ohne dass das Licht direkt in die Kamera fiel.

Er bewegte sich zu einem kleinen Vorsprung, der im fertigen Bild selbst nicht zu sehen sein würde, und bestrahlte mit dem Laser-Modus von der Seite Felsen und Wasser, um den Objekten Struktur und Tiefe zu verleihen.

Dann ging er weiter, dorthin, wo er zuvor nur Umrisse gesehen hatte. Über den schmalen Trampelpfad hinter der Brücke erreichte er den Punkt, von dem aus er das Licht ansetzen musste. Der Strahl glitt von hinten über die Zacken am unteren Rand der Brücke auf jene Formen, die im ersten Moment wie Zähne gewirkt hatten. Jetzt wurden sie sanft eingefasst, Kontur für Kontur nachgezeichnet und ihrer Bedrohlichkeit beraubt. Was zuvor gestarrt hatte, reagierte nun nicht mehr. Was zurückgestarrt hatte, war erklärbar geworden. Es war kein lauerndes Maul in der Dunkelheit gewesen. Nur Stahl, Wasser, Fels und nun das Licht, welches zur richtigen Zeit am richtigen Ort geführt wurde.

Danach ging er wieder über die Brücke zurück zum Kameramann. Das war der Startschuss für den Kameramann, seine zweite Aufgabe zu beginnen. Mit dem roten Stab-LED-Licht vor der Brust bewegte er sich langsam mit dem Rücken zur Kamera über die Brücke. Das Licht glitt über das hintere Geländer, über die Bäume dahinter und darüber und setzte Akzente, die den Wald und die Brücke zugleich geheimnisvoll und monumental erscheinen ließen.

Alles war durchdacht und jeder Schritt choreografiert: Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand, Technik und künstlerische Intuition verschmolzen zu einer Szene, die nicht nur dokumentierte, sondern erzählte.

Als sie die letzten Bewegungen abgeschlossen hatten, trat ein Moment der Stille ein. Die Lampen erloschen, nur das diffuse Restlicht der Dämmerung und das sanfte Glitzern des Wassers blieben zurück. Sie traten zurück, betrachteten die Szene durch das Kameradisplay, und für einen Augenblick schien die Zeit selbst den Atem anzuhalten.

Infernal Light of the Devil’s Bridge

Infernal Light of the Devil’s Bridge – Juli 2025 – 480s, f/4, ISO 1060 – aufgenommen und bearbeitet von Elias und Daniel mit der Sony Α1 II und dem Sony FE 50mm F1.4 ZA.



In diesem Moment wurde klar, dass alles aufgegangen war. Die Abfolge der Schritte, die Zurückhaltung an den richtigen Stellen und das gezielte Eingreifen mit ihrem Licht. Nichts davon stand für sich allein, denn alles griff ineinander. Die Anspannung löste sich nicht abrupt, sondern wie nach einer langen Konzentration, die man erst bemerkt, wenn sie endet. Ohne viele Worte wussten sie, dass etwas Besonderes entstanden war. Nicht nur eine Aufnahme, sondern ein Bild, das zeigte, wie ein besonderer Ort erst durch ihre Interpretation und durch die Technik der Lichtmalerei zu etwas Einmaligem wurde. Unwillkürlich musste er an die kleinen Zettel vom Anfang der Reise denken. An die beiläufigen Worte, die sie noch belächelt hatten. Vielleicht lag der größte Erfolg tatsächlich in den Dingen, die man ernsthaft tut und vielleicht war genau das der Grund, warum sie jetzt hier standen, im Dunkeln, zufrieden, und ein wenig stolz auf das, was sie gemeinsam geschaffen hatten.



Der Beweis

Er starrte auf den Boden, während seine Kamera den tossenden Wasserfall mit einem Graufilter einfangen sollte. Einhundertdreiundzwanzig Sekunden Belichtungszeit können eine Ewigkeit sein. Sein Blick verfing sich in der rauen Struktur der Pflastersteine unter dem Stativ.

Da lag er. Ein winziger, hellgrauer Kieselstein, nicht größer als ein Fingernagel, eingeklemmt in einer feinen Ritze des Weges. Nichts Besonderes. Einfach nur Dreck. Doch dann zuckte er. Es war kein Rollen, kein vom Wind verursachtes Wackeln. Der Kiesel glitt. Er rutschte ruckartig zwei Zentimeter nach links, als würde er von einem unsichtbaren Magneten gegen das Gefälle des Weges gezogen. Ein leises, schabendes Geräusch kratzte an seinem Trommelfell, aber es klang seltsam gedämpft, als käme es durch eine dicke Glasscheibe.

Die Welt um ihn herum wurde schwer. Das aufgeregte Geschnatter der Touristen dehnte sich zu einem zähen, konturlosen Summen. Das Lachen und Rufen um ihn herum klang plötzlich dumpf, wie durch eine dicke Wand aus Watte, und seine Augenlider fühlten sich plötzlich an wie aus Blei. Die Schwerkraft schien an seinem Kopf zu zerren, ihn nach unten in diesen grauen Abgrund eines Pflastersteins ziehen zu wollen. Er sah zu, wie der Kiesel erneut zuckte und sich kurz verdoppelte, als würden seine Augen die Realität nicht mehr deckungsgleich übereinanderlegen können.

Klick.

Das Geräusch des Kameraverschlusses riss ihn zurück. Er schreckte hoch wie ein Pendler, den das plötzliche Bremsen eines Zuges aus dem Sekundenschlaf reißt. Er schnappte nach Luft und mit einem Schlag war das Rauschen der Menschenmenge wieder da. War er im Stehen eingenickt? Hatte er dabei geträumt? Er sah auf den Boden: der Stein lag jetzt links neben der Spalte, genau dort, wohin er im Traum geglitten war. Sein Magen zog sich zusammen.

„Hast du das gesehen?“ Seine Stimme klang etwas erschrocken.

„Nein. Was denn?“ antwortete er. Sein Blick verriet, dass vermutlich gar nichts passiert ist. Aber dennoch wirkte er besorgt.

„Ach nichts. Ich dachte, dass ich was gesehen habe.“

„Hm. Ich habe schon mal unser Setup hier fotografiert.“ Er schwenkte sein Smartphone in seine Richtung. „Ich hoffe, dass die Wasserspiele gleich beginnen.“

Er nickte. Die Idee gefiel ihm und er holte sein Smartphone aus der Hosentasche und machte auch eine Videoaufnahme von dem Kameraaufbau. Dabei filmte er aber bewusst auch den Boden mit. Vielleicht würde der Kiesel wieder an der ursprünglichen Stelle liegen?

Die Kontrolle – Juli 2025 – aufgenommen mit dem Google Pixel 7a.



Nein, leider nicht. Der Kieselstein lag auf einem der Pflastersteine.

„Was ist?“

„Ich werde die drei Langzeitbelichtungen wohl zu einem Gif zusammenbauen. Wenn die gut sind. Mich stört ein wenig die Verzeichnung von meinem Objektiv.“

„Ok. Die Idee finde ich gut. Zeig mir doch mal das Bild.“

Er präsentierte die Aufnahme im Wiedergabemodus der Kamera.

Stein und Seide

Stein und Seide – Juli 2025 – 123s, f/6.3, ISO 100 – aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Sony FE 16-35mm F4 ZA OSS @16mm + K&F Concept Nano-X ND100000.



„Das gefällt mir sehr gut! Da kann man sicherlich später in der Bildbearbeitung noch viel rausholen. Die Graufilter zu kaufen war eine gute Idee. Das Wasser ist schön glatt geworden. So wie ich es mir vorgestellt hatte.“

„Ja, das stimmt. Ich finde, dass mein Graufilter irgendwas mit den Farben oder dem Kontrast macht. Das Bild wirkt irgendwie mystisch und verzerrt. Ist das bei deinem auch so?“

„Ja, kaum zu glauben, dass es eigentlich ein ganz schöner Sommertag ist. Auf deiner Aufnahme sieht es so aus, als ob trübes Regenwetter herrschen würde.“ Er lachte etwas unterdrückt. „Aber nein, die Bildwirkung bei mir ist nicht so verfremdend.“

Er zeigte seine Version des Bildes. „Ganz normal eigentlich. Aber mein Graufilter dämpft das Licht auch nicht ganz so stark wie deiner. Deswegen ist mein Wasser auch nicht ganz so glatt geworden.“

Er hielt das Smartphone hoch für eine zweite Videoaufnahme. Auf dem kleinen Display fraß sich das Gegenlicht der tiefstehenden Sonne in die Kanten des Aquädukts: der kleine Sensor kämpfte sichtlich mit den extremen Kontrasten. Es sollte nur eine flüchtige Erinnerung für später sein, doch während er filmte, geschah etwas mit der Szene. Während das echte Wasser donnernd in die Tiefe stürzte, schien der Sensor die Realität nur noch mit einer unnatürlichen Verzögerung greifen zu können. Er sah zu, wie die fallenden Wassermassen auf dem Bildschirm in eine Zeitlupe übergingen, während das echte Tosen um ihn herum zu einem tiefen, vibrierenden Summen mutierte.

Die zweite Aufnahme – Juli 2025 – aufgenommen mit dem Google Pixel 7a.



Er schaute vom Bildschirm auf. Das tosende Stürzen wurde zäh, die Fallgeschwindigkeit schien sich der laufenden Filmaufnahme anzupassen, bis jeder Tropfen unnatürlich erstarrte. Die Welt hielt den Atem an, ein lautloser Stillstand, der sich ewig auszudehnen schien. Dann, ohne Vorwarnung, riss der Effekt ab. Das Wasser schlug mit einem harten Knall unten auf, das Tosen kehrte ohrenbetäubend zurück und die Menschenmenge plapperte weiter, als hätte es diese Sekunde außerhalb der Zeit nie gegeben.

Er blickte erneut nach unten auf die Pflastersteine, um sich an etwas Vertrautem zu orientieren, und beobachtete fassungslos, wie der Kieselstein seine unmögliche Reise fortsetzte. Als er wieder hochschreckte, hatte sich die Welt erneut verändert, doch diesmal gab es kein Zurückgleiten in die Normalität. Es wurde nicht dunkel, weil die Sonne unterging oder er die Szenerie durch einen Graufilter betrachtete, sondern weil das Licht der Umgebung förmlich in das Bauwerk gesogen wurde. Das Wasser hörte nicht einfach nur auf zu fließen, sondern es verschwand.

Er blickte auf das Display seiner Kamera und sah das Bild, das dort niemals hätte entstehen dürfen: Das Aquädukt war verschwunden, ersetzt durch ein Geflecht aus pulsierenden, neonfarbenen Linien, die wie elektrische Entladungen in der Finsternis zitterten.

Mit einem Anflug von Staunen nahm er das Kopfsteinpflaster unter seinen Füßen wahr. Zunächst war es nur ein Flackern am Rande seines Sichtfeldes. Wie ein waberndes Wechselspiel, das die gesamte Szenerie abwechselnd in warmes Rot und kühles Blau tauchte. Zaghaft senkte er den Blick, fast so, als fürchte er sich vor dem was er erblicken würde. Die Kieselsteine unter ihm blieben nicht still, sie wanderten in einem rastlosen Takt hin und her. Durch den rhythmischen Lichtwechsel zwischen Rot und Blau warfen sie bizarre, mehrfarbige Schatten, die bei jeder Bewegung ihre Farbe änderten und über den Boden tanzten. Als er schließlich den Blick hob, erkannte er, dass auch die Felsen unterhalb des Aquädukts und die Sträucher neben ihm bereits von dieser pulsierenden Verwandlung erfasst worden waren.

Zwiegespräch der Farben

Zwiegespräch der Farben – Juli 2025 – 240s, f/5.6, ISO 100 – aufgenommen von Elias und Daniel mit der Sony A1 II und dem Tamron 20 mm F2,8 Di III OSD M1:2, bearbeitet von Daniel.



Gleißend weißes Licht umhüllte die Silhouette des Monuments. Erstaunlicherweise schien das Aquädukt selbst wie von innen heraus weiß zu leuchten, während sich die gesamte Umgebung in einen immer schneller pulsierenden und dabei rotierenden bunten Strudel verwandelte. Doch das Bauwerk hielt stand. Selbst die Sterne, die seltsam verzerrt anmuteten, verharrten an ihren gewohnten Positionen. Fixiert und zugleich fasziniert von diesem Anblick, spürte er, wie er langsam nach oben gezogen wurde, hinein in den wirbelnden Strudel aus Rot und Blau.

Das rhythmische Pulsieren der Welt um ihn herum intensivierte sich nun und zog ihn tiefer in einen Strudel aus Zeit und Licht, wobei jeder Wechsel zwischen Rot und Blau die Realität förmlich zerhackte. Er starrte auf die Kaskaden des Bergparks Wilhelmshöhe, doch sie blieben nicht starr: im Takt eines hämmernden Herzschlags sprangen sie zwischen den Zeiten hin und her. Ein blitzartiges Aufleuchten zeigte die Anlage im Jahr 2025, durchzogen von lebendigen, wunderschönen Kontrasten, die den Stein fast plastisch wirken ließen. Doch im nächsten Wimpernschlag wich diese Pracht einem flachen, fast langweiligen Abbild aus dem Jahr 2015: Das Wasser lag dort vollkommen still, und es gab kaum Details, die den Blick lange halten konnten. Besonders deutlich wurde der Bruch im Wasser: In der Vision von 2025 wurde die Oberfläche durch die bloße Berührung eines Passanten lebendig, wobei sich punktförmig ausbreitende Wellen in perfekten Kreisen über das Becken zogen, während im nächsten Moment wieder die matte Reglosigkeit von 2015 zurückkehrte.

Im Schatten der reglosen Zeit
…und die Wellen im Licht

Basis (Likebutton links): Im Schatten der reglosen Zeit… – Juli 2015 – 1/160s, f/8, ISO 200 – aufgenommen mit der Sony Α7S und dem Canon EF-S 10-22mm F3.5-4.5 USM @17mm.
Overlay (Likebutton rechts): …und die Wellen im Licht – Juli 2025 – 1/4000s, f/1.4, ISO 100 – aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Sony FE 50mm F1.4 ZA.



Dann beschleunigte sich der Takt bis zur Unerträglichkeit. Das Bild der Kaskaden riss jäh ab und machte Platz für den markanten Turm der Löwenburg, wo der Zeitsprung zu einer beinahe schmerzhaften optischen Sensation wurde. In einem harten, kalten Lichtpuls stand der Turm als brüchige Ruine da, so wie er 2015 vom Zahn der Zeit gezeichnet gewesen war, nur um im Bruchteil einer Sekunde von der gänzlich restaurierten Fassade des Jahres 2025 überlagert zu werden. In diesem rasanten, abgehackten Wechsel ließen sich die Nähte im Mauerwerk wie Narben erkennen. Dort, wo der frische Stein der Restauration auf den alten, verwitterten Felsen traf, wirkte die Zeit wie grob zusammengenäht.

Die offene Wunde…
…und die vernähte Narbe

Linker Likebutton: Die offene Wunde… – Juli 2015 – 1/200s, f/8?, ISO 200 – aufgenommen mit der Sony Α7S und dem Olympus Zuiko Auto-W 28mm F3.5.
Rechter Likebutton: : …und die vernähte Narbe – Juli 2025 – 1/2000s, f/5.6, ISO 100 – aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Carl Zeiss Distagon T* 28mm F2.8.



Alles um ihn herum wurde zu einem wirbelnden Chaos aus Farben und Epochen, bis das aggressive Flackern plötzlich in einer einzigen, gleißenden Entladung erstarb.

Einen Augenblick später war die hektische Unruhe vorbei. Das Licht beruhigte sich und ging in eine sanfte, goldene Klarheit über. Vor ihm lag die Löwenburg, befreit von jeder Härte. Es gab kein Pulsieren mehr, nur noch diesen einen Moment bei ruhigem Sonnenschein. Die Burg ruhte dort, eingebettet in das tiefe Grün des Waldes und umgeben von schmalen Wegen, die sich um das Gemäuer wanden. Es war die schlichte Essenz eines Ideals, jenseits von Verfall und Wiederaufbau.

Das steinerne Ideal

Das steinerne Ideal – Juli 2025 – 1/1000s, f/5.6, ISO 100 – aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Carl Zeiss Ultron 50mm F1.8.



Doch diese Idylle währte nicht lange. Ein erneuter, ruckartiger Übergang zerrte ihn fort, weg von der friedlichen Burg, hinein in eine neue Ansicht. Vor ihm materialisierte sich der hohe Kirchturm der St. Maria Kirche. Er war gerahmt von schweren, dunklen Wolken, die den Himmel verdüsterten, doch ein letzter Sonnenstrahl vor einem Regen schien ihn von der Seite her zu treffen. Das Licht brach durch die düstere Wolkenfront und tauchte den Turm in ein dezent leuchtendes Gold, hob ihn fast unwirklich aus der grauen Umgebung hervor wie ein strahlender Pfeiler vor dem drohenden Gewitter.

Himmelsgunst

Himmelsgunst – Juli 2025 – 1/800s, f/5.6, ISO 100 – aufgenommen mit der Sony Α7 IV und dem Zeiss-Opton Sonnar T 50mm F1.5.



Die sanfte Anmut hielt nur einen Moment inne, bevor die Realität schlagartig kollabierte. Vor seinen Augen schien das massive Mauerwerk zu kondensieren, bis sich der Turm in Millionen glitzernde Wassertropfen auflöste. Die optische Täuschung wich der brutalen physischen Realität: Hart, schroff und eiskalt traf ihn die Gischt einer gewaltigen Wasserfontäne.

Das strahlende Licht der Vergangenheit war erloschen. Er befand sich nun am Fuß des Fontänenteiches, unverkennbar zurück im hier und jetzt. Um ihn herum brach Hektik aus: Menschen riefen sich Warnungen zu und liefen hastig weg, um sich vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Er jedoch blieb wie angewurzelt stehen, die Kamera noch immer fest auf dem Stativ montiert. Langsam sickerte die Erkenntnis durch die Kälte auf seiner Haut: Ein plötzlicher Sturm hatte die meterhohe Fontäne, das furiose Finale der Wasserspiele, erfasst und die gesamte Gischt direkt auf ihn zugetrieben.

Das furiose Finale der Wasserspiele

Das furiose Finale der Wasserspiele – Juli 2025 – 1/3861s, f/2.2, ISO 50 – aufgenommen von Elias mit dem Samsung Galaxy S24 Ultra.



Triefend nass und von den irritierten Blicken der Umstehenden fixiert, senkte er schließlich den Blick auf seine Kamera. Das Display leuchtete in der nassen Dunkelheit auf und zeigte das Bild des leuchtenden Aquäduktes. Er hielt den physischen Beweis für das Unfassbare in den Händen, doch ein bitteres Gefühl der Ernüchterung beschlich ihn. In einer Welt, in der jedes Wunder mit einem Mausklick erschaffen werden konnte, würde ihm niemand glauben, sondern man würde sein Erlebnis schlicht als das Ergebnis von KI-Generatoren oder geschickter Bildbearbeitung abtun.




Verwendung meiner Fotografien

Die auf meiner Webseite gezeigten Fotografien sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne meine ausdrückliche Zustimmung weder verwendet, vervielfältigt noch veröffentlicht werden.

Wenn Sie ein Bild für eigene Zwecke nutzen möchten – zum Beispiel als Wandbild, auf Produkten wie Tassen oder für digitale Medien – kontaktieren Sie mich bitte vorab. Gemeinsam klären wir den gewünschten Verwendungszweck, die Art der Nutzung sowie das Format oder Medium. Auf dieser Basis erstelle ich ein individuelles Angebot zur Lizenzierung.

Alle Nutzungsrechte werden schriftlich vergeben. Ohne eine solche Vereinbarung ist jede Verwendung untersagt.

Bitte senden Sie Ihre Anfrage mit Angabe des Motivs und des geplanten Verwendungszwecks an info@reichert-ventures.eu. Ich freue mich auf Ihre Nachricht und darauf, gemeinsam die optimale Lösung für Ihr Projekt zu finden!


Unterstützung

Dieser Blog ist werbefrei und unabhängig. Wenn Ihnen meine Inhalte gefallen und Sie meine Arbeit unterstützen möchten, freue ich mich über einen kleinen Beitrag für die Kaffeekasse via PayPal . Vielen Dank für Ihre Wertschätzung und Hilfe, diesen Blog weiterhin zu betreiben!